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Entdecke hier kurze Artikel über Perfektionismus, Peoplepleasing und psychische Gesundheit - aus Neurodivergenz-Perspektive

Wenn plötzlich nichts mehr geht -
Neurodivergenz bei Frauen in der zweiten Lebenshälfte

Katharina Föhr 4 min Lesedauer · Aug 03, 2025


Viele Frauen funktionieren jahrelang. Studium, Job, Beziehung, vielleicht werden sie Mama, tragen jetzt den ganzen Mentalload der Familie. Haben alles irgendwie hingekriegt, manchmal auf den letzten Drücker, aber haben es schlussendlich immer gemanaged. 

Was sich verändert - und warum

Fast alle Frauen, die zu mir kommen, beschreiben einen ähnlichen Moment: einen Wendepunkt, an dem alles irgendwie kippte. Nach dem nichts mehr so war wie vorher: Sie waren ständig krank, ohne dass Ärztinnen eine körperliche Ursache feststellen konnte. Oft beschreiben sie sich als "plötzlich total über-empfindlich", weinerlich, kurze Zündschnur und dass sie bestimmte Gerüche oder Geräusche nicht mehr ertragen können. 
Fast immer kann man erarbeiten, dass dieser Kippmoment an ein Lebensereignis geknüpft.

Das erste Kind kommt. Oder das zweite. Der Job wechselt, die Anforderungen steigen. Der Sprung von der Uni ins Berufsleben funktioniert irgendwie nicht so reibungslos wie geplant. Oder die Eltern werden plötzlich pflegebedürftig - und auf einmal brechen bestimmte Strukturen weg und man ist Tochter, Mutter, Partnerin, Freundin, Pflegepersonal, Chauffeurin und Managerin gleichzeitig.
Was früher irgendwie ganz gut gegangen ist, geht jetzt einfach nicht mehr.

Für viele Frauen in der zweiten Lebenshälfte ist das überraschend und an große Selbstzweifel gebunden: Früher ging's doch auch, was ist da nun bei mir passiert, dass ich die einfachsten Dinge nun nicht mehr easy und mit Leichtigkeit hinkriege? Warum ist auf einmal alles total anstrengend? Was mache ich falsch?

Was vorher die ganze Zeit passiert ist - Masking und Coping

Um das zu verstehen, müssen wir kurz zurückgehen.

Neurodivergente Frauen - also mit ADHS, Autismus, AuDHS oder Hochsensibilität (unter Anderem) - lernen sehr früh, sich anzupassen. Nicht bewusst, nicht absichtlich, aber die Botschaft von außen als Mädchen ist klar: So wie du bist, ist es zu wenig, zu viel, zu empfindlich, zu laut, zu dolle, zu langsam, zu vergesslich, zu sensibel. "Du bist nicht dumm, aber du müsstest Dich mal mal anstrengen!"

Dabei strengen sich diese Mädchen schon die ganze Zeit mehr an als alle Anderen, nur sieht das keiner. Was die meisten dann aus diesem Feedback machen ist: "okay ich versuche noch mehr zu sein wie die Anderen." Sie beobachten, wie andere funktionieren, und ahmen nach. Sie entwickeln Strategien, die einen unauffällig machen: Perfektion als Schutzschild, Überanpassung als Überlebensstrategie, Hilfsbereitschaft als Währung für Zugehörigkeit. Im Fachjargon nennen wir das Masking — das Verbergen von neurodivergenten Verhaltensweisen zugunsten von neurotypischem Auftreten. 

Und die meisten dieser Frauen sind darin außerordentlich gut. So gut, dass niemand etwas merkt. Sie selbst irgendwann auch nicht mehr.

Gleichzeitig entstehen Coping-Mechanismen , also Bewältigungsstrategien, die helfen, den Alltag zu meistern. Listen, Routinen, das Verdoppeln des Aufwands für Dinge, damit alles wirklich 100% perfekt wird, Dinge, die Anderen leichtzufallen scheinen. Immer einen Schritt vorausdenken. Alles im Kopf behalten, weil man sich selbst nicht traut, etwas zu vergessen.

Das kostet Energie. Jeden einzelnen Tag. Und solange der Alltag stabil ist, reicht diese Energie gerade so.

Bis er es nicht mehr ist.

Der Wendepunkt - wenn die Schutzmechanismen nicht mehr reichen

Wenn das Leben sich grundlegend verändert, ändert sich auch der Energiebedarf.
Ein Neugeborenes schläft nicht. Kinder zeigen einem die eigenen unverarbeiteten Schmerzpunkte. Die Anforderungen im neuen Job sind unstrukturierter. Die Pflege eines Elternteils bringt Unvorhersehbarkeit, emotionalen Dauerstress, logistische Herausforderung.

Und plötzlich reicht das, was vorher gerade so gereicht hat, nicht mehr aus.

Die Copingmechanismen brechen weg. Masking wird so erschöpfend, dass der Körper die Segel streicht.
Und was dann sichtbar wird, ist kein neues Problem - es ist etwas, das schon immer da war. Eine Neurodivergenz, die jahrelang kompensiert werden musste.

Ca. 75 % der Frauen mit Neurodivergenz erhalten ihre Diagnose erst im Erwachsenenalter - oft nach Jahren von Fehldiagnosen wie Burnout, Angststörung oder Depression. Nicht weil die Symptome neu sind. Sondern weil sie so lange so gut verborgen waren.

Wie sich das anfühlen kann - konkrete Beispiele

Hier sind Zeichen, die viele betroffene Frauen im Nachhinein für sich in Verbindung bringen mit ihrer Neurodivergenz:

Körperliche Erschöpfung, die sich nicht wegschlafen lässt. Du schläfst acht Stunden und wachst morgens trotzdem auf, als hättest du gar nicht geschlafen. Dein Körper ist müde auf eine Art, die nichts mit Schlaf zu tun hat.

Körperliche Beschwerden ohne körperlichen Befund. Chronische Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Magen-Darm-Probleme - Ärzte finden nichts. Leider erleben dann viele Frauen medical gaslighting. Aber: das ist keine Einbildung, sondern Psychosomatik: dein Körper spricht, und das ist ein wichtiges Signal, das ernst zu nehmen gilt.

Kleinigkeiten überfordern, die früher selbstverständlich waren. Haare waschen fühlt sich wie eine riesige Aufgabe an. Entscheidungen, auch Kleine, kosten unverhältnismäßig viel Kraft. Das Einkaufen, das Antworten auf eine Nachricht, das Planen des Abendessens.

Reizoffenheit, die abends eskaliert. Tagsüber funktionierst du noch, aber abends, wenn die Kinder rufen oder dein Partner dich berührt, ist das Fass voll. Geräusche sind zu laut. Berührungen tun tatsächlich weh. Du reagierst auf Kleinigkeiten viel zu heftig als es der Situation angemessen wäre, und schämst dich dafür.

Soziale Treffen sind erschöpfend, statt erholsam. Du gehst zur Geburtstagsfeier Deiner Freundin, du lächelst, du bist dabei - und danach brauchst du Tage, um dich zu erholen. Nicht weil du introvertiert bist, schon wieder kränkelst, oder deine Woche zu wenig Tage hat, sondern weil die soziale Performance enormen Aufwand kostet wenn man ein neurodivergentes Nervensystem hat.

Perfektionismus, der nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Du weißt, wie du eigentlich sein müsstest, und erreichst diesen Standard immer seltener. Die Lücke dazwischen tut weh.

Nicht weil du plötzlich nicht mehr der gleiche Mensch bist, sondern dein überbelastetes Nervensystem sagt: Wir können nicht mehr.

Was jetzt möglich ist - neu anfangen mit dir selbst

Hier kommt der Teil, der mir am wichtigsten ist.

Eine späte Erkenntnis, ob mit oder ohne Diagnose, ist kein Ende, sondern eine Türe, die aufgeht.
Oft der erste Moment im Leben, in dem man sich selbst wirklich verstehen kann, weil man sich neu kennenlernt. Und ja, wenn man viele Jahre eine andere, funktionierende Version von sich selbst gespielt hat, ist das überhaupt nicht einfach, das eigene authentische Ich zu finden.

Du darfst dich neu kennenlernen. Nicht die Version von dir, die jahrelang so viel Energie darauf verwendet hat, anders zu sein, als sie ist. Sondern die unter der Maske, mit allem, was sie braucht, was ihr guttut und: was sie überfordert. Denn auch das gehört dazu.

Du darfst dir selbst eine Freundin werden. Eine, die sagt: Ich bin auf deiner Seite. Auch jetzt, wo gerade alles anders und richtig schwer ist.

Konkrete erste Schritte dafür können sein:

Dein Nervensystem kennenlernen: Was bringt es in Alarm? Was beruhigt es? Wo entsteht Resonanz, Reibung, was ist wirklich wichtig, wo werde ich "leicht"? Nicht was theoretisch helfen sollte oder bei Anderen geklappt hat, sondern was bei dir wirklich wirkt. Kein Gehirn gleicht einem Anderen. Spicken nützt also nichts ;o)

Deine Red Flags erkennen: Was sind die frühesten Zeichen, dass es dir nicht gut geht? Schlechter Schlaf? Reizbarkeit am Abend? Prokrastination? Diese Zeichen kommen früher, als wir oft denken und man kann üben, sie nicht mehr zu übersehen.

Energiebilanz statt Selbstkritik: Was kostet dich unverhältnismäßig viel Energie und was gibt sie dir zurück? Neurodivergente Nervensysteme haben eine andere Energiebilanz als Neurotypische. Das zu verstehen, verändert schon mal richtig viel.

Masking reduzieren: Nicht auf einmal. In Babysteps. Innere Arbeit, die Versorgung von früh verletzten inneren Anteilen, sollte nur nach solider Nervensystem-Stabilisierungsphase und begleitet in einer Therapie oder in einem fachlich fundiertem Coaching aufgearbeitet und integriert werden.



Du bist nicht plötzlich zu sensibel oder zu empfindlich geworden.

Du hast sehr viele Jahre sehr viel allein getragen und niemand hat gesehen, wie anstrengend das für deinen Körper wirklich war.

Das darf jetzt anders werden.


03.08.2025 - 4 Minuten Lesedauer


ADHS bei Frauen. Wenn Fehldiagnosen oder unterdiagnostiziert zu sein das “Normal” ist

Katharina Föhr 4 min Lesedauer · Feb 22, 2025



Nur ungefähr 25 Prozent der Mädchen mit ADHS erhalten die Diagnose in der Kindheit, viel weniger als betroffene Jungen.
Im Erwachsenenalter werden nur unter 20 Prozent der betroffenen Frauen korrekt diagnostiziert und dementsprechend korrekt behandelt — mit teils heftigen Folgen für den weiteren Lebensweg.

Die Diagnosekriterien zur ADHS weisen einen sogenannten Bias (eine Verzerrung der Schätzung) zugusten männlicher Kinder auf, das entsteht unter Anderem dadurch, dass die Fragebögen, die in der Diagnostik bearbeitet werden müssen, die “typischen”, sich nach Außen zeigenden, männlichen Symptome erfassen. Sie bilden weniger die Symptome ab, die gehäuft bei Mädchen und jungen Frauen sichtbar werden. Die Skalen und Beurteilungsbögen wurden an männlichen Kindern entwickelt und orientieren sich daher stark an motorischer Hyperaktivität und der nach außen gehenden Impulsivität. Hier zeigt sich auf dem Papier also wieder deutlich der “Zappel-Philip”, der in der Schule nicht warten kann, bis er an der Reihe ist und ständig aufstehen und durchs Klassenzimmer fetzen muss.
Doch was, wenn nun der “Zappel-Philip” eine “Träumer-Tine” ist?
Bei Mädchen und Frauen sehen wir häufig andere Symptome. Probleme mit der Konzentration und den sogenannten Exekutivfunktionen. Das sind Fähigkeiten wie Planung, Organisation, Arbeitsgedächtnis und Zeitmanagement, die hier teils tiefgreifende Probleme machen. Diese, sowie Stimmungsschwankungen und innere Unruhe (man fühlt sich ständig gehetzt, kommt nie zur Ruhe, hat permanent Gedanken und todo’s im Kopf) werden allerdings kaum in den Tests erfasst. Mädchen und Frauen sind weniger vom hyperaktiven Erscheinungsbild betroffen, sondern häufiger vom unaufmerksamen Typ und sind damit schlicht nicht so “auffällig”. Vom Umfeld werden sie oft als “bisschen schusselig”, “total verplant” oder “nur faul” bezeichnet.

Long story — short: Die ADHS Diagnostik Test erfassen die betroffenen Mädchen (und Frauen) nicht, beziehungsweise schlechter als die Jungen.

Die Belastungen aus diesen nach innen gerichteten Symptomen sind aber trotzdem im Leben der Mädchen und Frauen — negatives Feedback der Umgebung, missverstanden werden, Strafen, schlechte Noten, Abwertung und berufliche Misserfolge können sich häufen.
In der Folge bedeutet dies auch, dass weiblich sozialisierte Betroffene viel stärkere Symptome aufweisen müssen, bis endlich eine Diagnostik eingeleitet wird. Daher erhält eine hohe Anzahl weiblicher Betroffene ihre ADHS Diagnose erst im Erwachsenenalter und hat bis dahin häufig einen anstrengenden Lebensweg hinter sich.

Themen erwachsener Frauen mit unerkannter ADHS können sein:
- wiederkehrende Angst- und oder Panikstörungen
- wiederkehrende depressive Episoden
- Schwierigkeiten Emotionen zu regulieren, sich emotional in Balance zu fühlen
- Stimmungsschwankungen, Unfähigkeit die Stimmung zu kontollieren
- Selbstzweifel / Selbstabwertung (“ich bin faul”, “ich bin dumm”, “ich kriegs schon wieder nicht hin”)
- heftige innere Unruhe, nie den Kopf abschalten können, sich wie getrieben oder gehetzt fühlen
- hormonelle Symptome wie prämenstruelles Syndrom, Postpartale Depression, Peri-/ Postmenopausale Beschwerden
- das Gefühl “irgendwas stimmt nicht mit mir, aber ich weiß nicht was”
- Erschöpfung / Burnout (besonders wenn man beruflich erfolgreich ist, aber viel kompensiert, man überangepasst erzogen wurde und viele Coping-Mechanismen braucht, damit “der Alltag läuft”)
- Essstörungen
- Abhängigkeitserkrankungen
- berufliche Probleme /Hochstapler-Syndrom
- körperliche Schmerzen, ohne körperliche Ursache
- das Gefühl einfach nicht “in die weibliche Rolle zu passen”, die Erwartungen nicht erfüllen zu können, wiederkehrende Konflike in Partnerschaften oder der Familiendynamik
- ausgeprägtes People-Pleasing
- zwanghaftes Verhalten / Perfektionismus oder auch Zwangsgedanken
- suizidale Gedanken oder Verhalten


Es existieren nur wenige Fachstellen, die spazialisiert sind auf erwachsene weibliche ADHS Betroffene, die Zyklus- und Hormonauswirkungen und die internalisierten Symptome abseits des Zappel-Philips verstehen.

Frauen, die Maskieren (also versuchen, neurotypisches Verhalten über die ADHS Symptome zu legen und sie damit zu verstecken) fallen auch als Erwachsene wieder durch das Raster und werden bei starker Symptomatik dann irgendwann deutlich später als Männer diagnostiziert.


 Auch Fehldiagnosen kommen oft vor, da ihre Symptome bei oberflächlicher Betrachtung anderen Störungsbildern so stark ähneln. Die häufigsten Fehldiagnosen sind hierbei:

  • die emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typ
  • Angst- und Panikstörungen
  • wiederkehrende Depressionen
  • bipolare affektive Störung

Einige einzelne Symptome dieser Störungsbilder haben Überschneidungen zu Symptomen der Erwachsenen-ADHS. Die Verwechslungsgefahr ist also hoch. Erschwerend kommt noch hinzu, dass eine unerkannte ADHS zu Komorbiditäten führen kann, das sind Erkrankungen die parallel auftreten. Häufig sehen wir hier Depressionen und Angststörungen. Und: es ist selbstverständlich möglich, dass eine Frau von einer Borderline Persönlichkeitsakzentuierung UND ADHS betroffen ist.
In der Diagnostik und Behandlung braucht es daher neben vertieften theoretischen Kenntnissen und einem Verständis weiblicher Themen, auch Erfahrungswissen in Form von Anwendungskompetenz. Diese Verantwortung liegt bei den Fachkräften für Psychotherapie und Psychiatrie und muss sich gegebenenfalls angeeignet werden, wenn sie noch nicht vorliegt.

Denn es kann und darf nicht sein, dass Betroffene jahrelange Umwege über Fehldiagnosen gehen müssen, mit falscher Medikation behandelt werden oder nicht ernst genommen werden mit ihrem Leid, bis sie eine korrekte Diagnose und eine angemessene Behandlung oder Unterstützung erfahren.

Es ist wichtig, dass wir uns zu einem gender-sensiblen Umgang in Forschung, Medizin und Psychotherapie entwickeln. Sich Diagnostik und Behandlung nicht nur an männlichen Betroffenen orientieren, sondern auch an Frauen und hier Unterschiede in die Beurteilung einfließen.
Damit irgendwann das das neue “Normal” für betroffene Frauen wird.



22.02.2025 - 4 Minuten Lesedauer

Nur neurodivergent oder psychisch krank? Oder ist das vielleicht sogar das Gleiche?
Was ist Neurodivergenz? Und was ist eigentlich der Unterschied zwischen Neurodivergenz und einem psychischen Störungsbild im krankhaften Sinne?

20.01.2025 - 3 Minuten Lesedauer

“Ich mach das schon” und “ich will es so wie Du es willst” — der innere Stress des People-Pleasing

Katharina Föhr 4 min Lesedauer · Jan 13, 2025

Der noch relativ junge Begriff für übermäßiges Gefallenwollen “People-Pleasing” ist mittlerweile im Mainstream angekommen.
Tausende Videos auf tiktok reflektieren zum Thema und man selbst kommt kaum dran vorbei, eigenes Verhalten auf typische Anzeichen für den Hang zum Zufriedenstellen Anderer zu überprüfen.
Was ist People-Pleasing eigentlich genau, woher kommt das und kann sich das bei unterschiedlichen Menschen in unterschiedlichem Verhalten zeigen?

Das Phänomen des „People Pleasing“ beschreibt ein Verhaltensmuster, bei dem Menschen versuchen, die Erwartungen Anderer übermäßig zu erfüllen, oft auf Kosten ihrer eigenen Bedürfnisse und Wünsche. Wissenschaftlich betrachtet handelt es sich dabei nicht um eine feststehende Persönlichkeitsstörung (denn dieses Verhalten ist theoretisch veränderbar), sondern um eine erlernte Reaktion auf spezifische psychosoziale und neurobiologische Einflüsse. Es ist also keine klinische Diagnose und hat grundsätzlich betrachtet, keinen Krankheitswert, ist kein beständiges Persönlichkeitsmerkmal, sondern das Verhalten theoretisch veränderbar, daher spreche ich grundsätzlich nicht von einem Menschen als “People-Pleaser”, sondern von der Tendenz zum “People-Pleasing”.

Valide wissenschaftliche Studien, die den englischen Begriff “People-Pleasing” verwenden, fehlen noch, allerdings existieren sehr viele Untersuchungen zu verwandten psychologischen Konzepten wie Konflikttypen, Selbstwert, Scham, Stressverhalten, Angst vor Ablehnung und tief verwurzelten Mustern aus der Kindheit. In der Schematherapie wird beispielsweise das “Unterordnungsschema” beschrieben, bei dem Menschen ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten anderer zurückstellen, um Missbilligung zu vermeiden. Dieses Schema kann zu Verhaltensweisen führen, die dem People-Pleasing ähneln.

Ursachen des People-Pleasing-Verhaltens können sich in der Kindheit finden.
Studien zeigen, dass Kinder, die in einem Umfeld aufwachsen, in dem Zuneigung oder Wertschätzung an Bedingungen geknüpft sind, ein erhöhtes Risiko haben, ein überangepasstes Verhalten zu entwickeln. Ein klassisches Beispiel ist das Erleben von elterlicher Zuneigung immer nur dann, wenn bestimmte Leistungen erbracht werden oder Erwartungen erfüllt sind. Dies führt dazu, dass Kinder lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken, um Anerkennung und Liebe zu erhalten. Diese Muster können im Erwachsenenalter fortbestehen und sich in Form von People-Pleasing äußern.

Neurowissenschaftliche Untersuchungen legen nahe, dass People-Pleasing-Verhalten auch mit einer Überempfindlichkeit gegenüber sozialen Rückmeldungen verbunden ist.

Die Belohnungszentren des Gehirns zeigen bei Menschen mit Tendenz zum People-Pleasing eine stärkere Aktivierung, wenn sie Zustimmung oder positive soziales Feedback erhalten
.
Gleichzeitig weisen Personen, die ein hohes Maß an People-Pleasing zeigen, eine verstärkte Aktivität in den Bereichen des präfrontalen Cortex auf, die mit sozialer Bewertung, Belohnung und Selbstkontrolle verbunden sind. Diese neurobiologischen Mechanismen könnten erklären, warum es für Betroffene so schwierig ist, „Nein“ zu sagen, auch wenn sie wissen, dass sie sich damit überfordern.

People-Pleasing wird häufig mit einem geringen Selbstwertgefühl in Verbindung gebracht.
Betroffene entwickeln die verzerrte Überzeugung, dass sie nur dann wertvoll sind, wenn sie Anderen gefallen. Diese verzerrten Denkmuster führen zu einem hohen Maß an Perfektionismus und der Annahme, dass Konflikte oder Ablehnung ihre zwischenmenschlichen Beziehungen gefährden könnten. Die Furcht vor Ablehnung oder Kritik wird dadurch zu einem zentralen Motivator für das innerlich stressige People-Pleasing-Verhalten, was langfristig jedoch zu Erschöpfung, Selbstüberforderung und inneren Konflikten führen kann.

Weil People-Pleasing ein erlerntes Verhaltensmuster ist und kein feststehender Charakterzug wie bei der abhängigen Persönlichkeitsstörung, ist es kontextabhängig. Immer wenn Zusammentreffen mit anderen Menschen als unsicher oder potentiell konfliktmöglich wahrgenommen werden, zeigt sich dieses Verhalten, das dabei als Bewältigungsstrategie dient. Unangenehme soziale Spannungen können Betroffene auf diese Art kurzfristig selbst reduzieren, bauen jedoch langfristig innere Belastungen und Stress auf.

Das erklärt auch, warum das People-Pleasing Verhalten bei verschiedenen Menschen unterschiedlich aussehen und unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann.
So zeigen Menschen mit People-Pleasing auf der einen Seite vielleicht eine besonders ausgeprägte Überkompensation, sind also Perfektionisten, die alles tun, um Kritik zu vermeiden, um negative Beurteilung gar nicht erst entstehen zu lassen. Andere Betroffene zeigen eine besonders ausgeprägte Überanpassung, halten also eigene Bedürfnisse vollständig zurück, um Konfrontation zu vermeiden. Sie haben besonders häufig das Problem, Entscheidungen zu treffen und tun es erst gar nicht. Denn auf Bitten und Nachfragen Anderer einfach immer “Ja” zu sagen, nimmt die Entscheidung ab und schützt davor, die Erwartungen Anderer nicht zu erfüllen.

Besonders ausgeprägt erleben wir People-Pleasing, wenn sich Betroffene selbst aufopfern und es zur sogenannten Auflösung kommt. Diese Verhaltenstendenz ist dadurch gekennzeichnet, dass Betroffene ihre eigenen Gefühle gar nicht mehr spüren, sich innerlich leer fühlen und Konflikte verdrängen.

Um People-Pleasing zu überwinden, ist es entscheidend, die zugrunde liegenden Muster zu erkennen und zu bearbeiten.
Eine psychotherapeutische Fachperson kann dabei unterstützend wirken, wichtig ist allerdings dabei auch eine Fachkompetenz im Bereich Neurodivergenz. Denn zu lernen, automatischen Denkmuster zu hinterfragen und alternative Überzeugungen zu entwickeln, die es ermöglichen, gesunde Grenzen zu setzen, funktioniert bei neurodivergenten  Nervensystemen (also mit ADHS oder Autismus zum Beispiel) anders, als bei neurotypischen Gehirnen.

Die besondere Neurobiologie der neurodivergenten Systeme sollte in die Behandlung miteinfließen, da die tiefen Muster wie peoplepleasing und Perfektionismus durch typische neurodivergente Reaktionen wie rejection sensitivity ect. verstärkt oder begünstigt werden können.
Studien zeigen, dass regelmäßiges Training in neuroaffirmativer Achtsamkeit und Selbstmitgefühl ebenfalls hilfreich sein kann, um die Beziehung zu den eigenen Bedürfnissen zu stärken und die Abhängigkeit von externer Bestätigung zu reduzieren. 

Sich von diesen Mustern ein Stück weit (nach und nach in kleinen Schritten) zu lösen und ein ausgewogeneres, selbstbestimmteres, psychisch flexibleres Leben zu führen, ist möglich.
Aus dem stressigen People-Pleasing Hamsterrad auszusteigen erfordert Übung und genaue Kenntnis des Kontextes über den Ursprung dieses Schutzmechanismuses. Lohnt sich aber auf dem Weg einem wertebasierten Leben und mehr authentisches ICH.


Quellen angesprochener Studien / Zitate:
Rogers & Taylor, 2021
Inagaki & Eisenberger, 2016
Leahy, 2017
Bossmann, 2023
Neff & Germer, 2013



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Besonders Frauen gelten immer noch als unter-diagnostiziert, da sie sehr häufig Symptome aufweisen, die weniger bekannt sind und teils überhaupt nicht mit ADHS assoziiert werden. Diese sechs Symptome sind sehr häufig bei Erwachsenen mit ADHS, sind aber weniger bekannt und werden daher häufig entweder gar nicht beachtet oder falsch diagnostiziert...

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